Der Garten - Dritter Tag

Es regnete immer noch in Strömen. Hochwasser drohte. Erste Berichte von über die Ufer getretenen Gewässern machten viele unruhig. Mich kümmerte es die meiste Zeit des Tages nicht. Thermodynamik wurde im Trockenen behandelt, und ich war ausgesprochen froh darüber. Trotzdem wollten weder Entropie noch Wärmeleitungsgleichung in meinen Kopf. Die Ereignisse der beiden vorhergehenden Tage hatten mich zu sehr aufgewühlt.


Trotzdem gibt es zur Entropie natürlich einiges zu sagen. Der konstante Verfall von Struktur und damit Information ist kein Naturgesetz. Die Lage ist deutlich schlimmer. Unter der blossen Annahme, dass sich die Gasmoleküle zufällig bewegen, ist der Wissensverlust mathematisch unausweichlich. Genauso zufällig wird sich zwar wieder Ordnung einstellen; aber während die Unordnung nur Sekunden braucht, um die Kontrolle über die Situation zu übernehmen, dauert es unvorstellbar lange, bis die Ordnung zufällig wiederkommt. Und doch kommt sie wieder, unendlich oft sogar. Die Entropie ist für die Physiker, was für die Mathematiker der Affe an der Schreibmaschine. Er produziert zwar unglaublich viel Müll, aber hie und da findet sich trotzdem ein Gedicht.


Die Parallele zu meiner Situation war offensichtlich und bedrückend. Zwei unerklärliche Beobachtungen in zwei Tagen hatten ausgereicht, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Das Mädchen ging mir nicht mehr aus dem Kopf, was in meiner Situation mehr als nur ungünstig war. Was sollte das alles? Ich war ahnungslos, und ich weiss bis heute nicht, wie ich das ganze interpretieren soll.


Ich war leicht erkältet und wollte schnell nach hause; fürchtete mich davor, sie schon wieder zu sehen und brannte gleichzeitig voller Neugier darauf, welche absurde Tätigkeit sie diesmal ausführen würde.


Meine Neugier war zu gross. Auch wenn ich sie diesmal nicht hörte, wusste ich inzwischen, hinter welcher Hecke sie sein musste. Wenn sie draussen war zumindest. Ich blickte durch die Hecke. Von meinen nassen Haaren tropfte Regen.


Sie war wieder draussen, wieder völlig durchnässt und verdreckt, schlimmer als am Vortag noch, wenn das überhaupt möglich war. Hilflos rammte sie einen Spaten in den wassergetränkten Boden, versuchte, die schwere, nasse Erde hochzuheben – schon das misslang meistens – und wenn sie dann ein Stück Rasen entfernt hatte, floss der lehmige Boden von selbst wieder zusammen. Sisyphus kam mir sinnerfüllt vor neben ihrer Mühe.


Irgendwann gab sie auf. Schluchzend setzte sie sich auf den Boden, winkelte die Beine an – wie oft sollte ich das später noch bei ihr erleben! - und heulte, schimpfte, fluchte, immer wieder unterbrochen von ihren pflichtschuldigen Entschuldigungen an ihren Vater. Irgendwann raffte sie sich auf, zauberte scheinbar aus dem Nichts eine Packung Rasensamen und bestreute das Schlammloch damit. Anschliessend verschwand sie im Haus.


Wieder war ich verwirrt. Noch dazu hatte ich wieder viel zu viel Zeit mit meinen Beobachtungen verbracht; es war nicht unwahrscheinlich, dass ich mir eine Lungenentzündung holen würde, wenn das so weiter ging.


Glücklicherweise blieb mir das erspart.

1 Kommentar 20.3.08 01:17, kommentieren

Der Garten - Zweiter Tag

Ich war müde, hatte die vorhergehende Nacht nicht geschlafen. Das Mädchen war mir nicht aus dem Kopf gegangen, bis ich in Astrophysik sass. Fünf Tassen Kaffee hatte ich getrunken, aber jetzt war ich endgültig geschafft. Mein Körper schrie geradezu nach einem Bett. Ich nahm mir vor, meine Kräfte einzuteilen. Es war erst Dienstag, aber ich war bereits geschlaucht wie lange nicht mehr.

Auf dem Heimweg schüttete es wie aus Kübeln. Meine Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute. Ich hätte mich nicht mit der Sache beschäftigen müssen, sagte ich mir. Es sei sowieso bedeutungslos.

„Aua! Verflucht!“

Die Stimme kam mir bekannt vor.

„Vater, bitte verzeih...“

Ich weiss nicht, wieso ich wieder durch die Hecke spähte. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass es mir nicht gut tun würde. Ich halte Überlegung und Voraussicht für wichtig, aber irgendetwas zwang mich förmlich dazu, mich schon wieder mit etwas zu beschäftigen, was mich nichts anging.

Sie versuchte, im Garten ein Zelt aufzuschlagen. Eine ziemlich hoffnungslose Beschäftigung, da der Boden bereits völlig durchnässt war. Trotzdem versuchte sie, die Zeltplane mit Heringen zu befestigen. Doch ihr letzter Versuch war, aus unerfindlichen Gründen, ziemlich missglückt. Statt in den weichen Boden hatte sie den gekrümmten Nagel durch ihre eigene Hand gebohrt. Während sie sich die Hand mit einer Mullbinde umwickelte, die sie aus dem Nichts zu zaubern schien, wehte die Zeltplane vom Gestänge.

So durchnässt, wie sie war, musste sie bereits seit Stunden hier draussen sein. Ihre Kleider wirkten so, als würden sie sich bei nächster Gelegenheit auflösen, und ihre Hände waren dreckig. Sie tat mir Leid. Wieso bemühte sie sich so sehr, offenbar sinnlose Handlungen auszuführen? Was zwang sie dazu, sich mit offenbar unlösbaren Aufgaben abzumühen? Ich verstand nicht, und das entfachte meine Neugier erst recht. Sie versuchte noch mehrmals, Heringe einzuschlagen, und immer wieder rannte sie der fliegenden Plane hinterher. Es musste wieder einige Zeit vergangen sein, bis ich mich endlich von diesem Anblick losreissen konnte. Völlig durchnässt kam ich zuhause an. Ich hoffte nur noch, mich nicht zu erkälten.

Leider hoffte ich vergeblich.

16.3.08 18:04, kommentieren

Der Garten - Erster Tag

„Verdammt!“

Es war ein überraschend warmer Märztag. Ich hatte das letzte Seminar des Tages hinter mir und wollte nur noch nach hause. Duschen, kochen, schlafen. Mehr hatte ich nicht mehr vor. Ausser vielleicht, noch einige Schulen zu suchen, an die ich meine Bewerbungen schicken konnte. Aber das würde ich entscheiden, wenn alles andere erledigt war. Noch hatte ich ja Zeit.

Durch eine für diese Jahreszeit schon erstaunlich dichte Hecke drang diese glockenhelle Stimme: „Verdammtes Licht, geh endlich an!“
Ich weiss nicht mehr, wieso ich durch die Hecke spähte. Vermutlich war es einfach Neugier. Im Garten stand neben einer Gartenlampe ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, den Kopf hochrot, als wäre sie nackt und wüsste, dass ich sie beobachtete. „Entschuldige, Vater, ich hätte nicht...“, stammelte sie.
Niemand sonst war zu sehen.
Irgendetwas faszinierte mich an der Situation. Schon die Szenerie wirkte surreal. Es hätte mich nicht erstaunt, wenn dem auf dem Rasen eingerollten Wasserschlauch im nächsten Moment ein Schlangenkopf gewachsen wäre, wie auch in den Bildern Dalìs ein Fels gleichzeitig Löwenhaupt sein kann. Dazu ein Mädchen, das sich bei seinem offensichtlich abwesenden Vater dafür entschuldigt, dass es das Licht nicht anschalten kann. Wozu überhaupt? Es war hellichter Tag, auch wenn der von einem Apfelbaum überschattete Garten nicht annähernd so hell war wie die offene Strasse. Die Situation entbehrte jeglicher Logik.

Lange stand ich dort, schaute ihr zu, wie sie sich weiter mit der Lampe abmühte, die keine Anstalten machte, Licht zu spenden. Vermutlich war die Birne hinüber. Sie fluchte und entschuldigte sich abwechselnd. Sie benahm sich so, als sei sie unwürdig, sich mit irgendjemandem abzugeben, als sei alles ihre Schuld. Vermutlich hätte sie auch noch dafür um Verzeihung gebeten, geboren worden zu sein, wenn es dazu einen Anlass gegeben hätte.

Und andererseits ich selbst – ich hatte völlig vergessen, dass ich ja auf offener Strasse stand. Ich muss ein herrliches Bild abgegeben haben, ein Voyeur auf offener Strasse. Ein Glück, dass mich keiner der Passanten kannte oder zumindest erkannte. Irgendwann war es dann aber doch so weit, dass sie im wie ein uralter Tempel wirkenden Haus verschwand. Endlich gelang es mir, mich von der hypnotisierenden Situation loszureissen. Eine Stunde musste mindestens vergangen sein.

Ich machte mich auf den Heimweg. Geduscht hatte ich noch nicht, und müde war ich nun erst recht – aber ich zweifelte irgendwie daran, schlafen zu können.

Leider behielt ich mit meinem Zweifel recht.

1 Kommentar 28.2.08 23:05, kommentieren

Prolog

¨“Wir leben im Zeitalter der Fische“, sagte sie. Was für ein Bullshit. „Und nach uns kommt die Ära des Wassermanns“.
„Und was soll das bedeuten?“ fragte ich zurück.
„Das verstehst du nicht.“
„Nein, ich verstehe wirklich nicht, wie du an so was glauben kannst. Irrationaler geht es ja nicht mehr.“
„Du bist so unfair!“ Schluchzend verliess sie das Zimmer. Kopfschüttelnd folgte ich ihr. Eines Tages würde mich diese Frau noch den Verstand kosten. Ihre Empfindsamkeit, ihre Bereitschaft, alles zu glauben, was ihr einigermassen ins Konzept passte, ohne es je zu hinterfragen, und das völlige Fehlen von Vernunft in ihrem Denken widersprach allem, was mir einigermassen wichtig war. Darüber hinaus die Sache mit ihrem Vater - und doch, ich konnte nicht ohne sie.

Sie sass wie ein Häufchen Elend in der Ecke des Schlafzimmers, die Beine angewinkelt, den Kopf unter den Armen verborgen.
„Das sag ich meinem Vater.“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Wenn du glaubst...“
„Ja, tue ich. Und wenn du dich nicht gleich entschuldigst, wird er richtig sauer.“
Ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie. „So etwa?“
Sie lächelte.

Fünf Minuten später waren wir im Bett. Ich wusste, sie würde nachher wieder ein schlechtes Gewissen haben. Was ich nicht ahnte, war, dass es unser letzter Versöhnungssex war.

Aber ich sollte vermutlich von vorne beginnen.

26.2.08 21:35, kommentieren


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