Der Garten - Erster Tag

„Verdammt!“

Es war ein überraschend warmer Märztag. Ich hatte das letzte Seminar des Tages hinter mir und wollte nur noch nach hause. Duschen, kochen, schlafen. Mehr hatte ich nicht mehr vor. Ausser vielleicht, noch einige Schulen zu suchen, an die ich meine Bewerbungen schicken konnte. Aber das würde ich entscheiden, wenn alles andere erledigt war. Noch hatte ich ja Zeit.

Durch eine für diese Jahreszeit schon erstaunlich dichte Hecke drang diese glockenhelle Stimme: „Verdammtes Licht, geh endlich an!“
Ich weiss nicht mehr, wieso ich durch die Hecke spähte. Vermutlich war es einfach Neugier. Im Garten stand neben einer Gartenlampe ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, den Kopf hochrot, als wäre sie nackt und wüsste, dass ich sie beobachtete. „Entschuldige, Vater, ich hätte nicht...“, stammelte sie.
Niemand sonst war zu sehen.
Irgendetwas faszinierte mich an der Situation. Schon die Szenerie wirkte surreal. Es hätte mich nicht erstaunt, wenn dem auf dem Rasen eingerollten Wasserschlauch im nächsten Moment ein Schlangenkopf gewachsen wäre, wie auch in den Bildern Dalìs ein Fels gleichzeitig Löwenhaupt sein kann. Dazu ein Mädchen, das sich bei seinem offensichtlich abwesenden Vater dafür entschuldigt, dass es das Licht nicht anschalten kann. Wozu überhaupt? Es war hellichter Tag, auch wenn der von einem Apfelbaum überschattete Garten nicht annähernd so hell war wie die offene Strasse. Die Situation entbehrte jeglicher Logik.

Lange stand ich dort, schaute ihr zu, wie sie sich weiter mit der Lampe abmühte, die keine Anstalten machte, Licht zu spenden. Vermutlich war die Birne hinüber. Sie fluchte und entschuldigte sich abwechselnd. Sie benahm sich so, als sei sie unwürdig, sich mit irgendjemandem abzugeben, als sei alles ihre Schuld. Vermutlich hätte sie auch noch dafür um Verzeihung gebeten, geboren worden zu sein, wenn es dazu einen Anlass gegeben hätte.

Und andererseits ich selbst – ich hatte völlig vergessen, dass ich ja auf offener Strasse stand. Ich muss ein herrliches Bild abgegeben haben, ein Voyeur auf offener Strasse. Ein Glück, dass mich keiner der Passanten kannte oder zumindest erkannte. Irgendwann war es dann aber doch so weit, dass sie im wie ein uralter Tempel wirkenden Haus verschwand. Endlich gelang es mir, mich von der hypnotisierenden Situation loszureissen. Eine Stunde musste mindestens vergangen sein.

Ich machte mich auf den Heimweg. Geduscht hatte ich noch nicht, und müde war ich nun erst recht – aber ich zweifelte irgendwie daran, schlafen zu können.

Leider behielt ich mit meinem Zweifel recht.

28.2.08 23:05

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