Der Garten - Zweiter Tag

Ich war müde, hatte die vorhergehende Nacht nicht geschlafen. Das Mädchen war mir nicht aus dem Kopf gegangen, bis ich in Astrophysik sass. Fünf Tassen Kaffee hatte ich getrunken, aber jetzt war ich endgültig geschafft. Mein Körper schrie geradezu nach einem Bett. Ich nahm mir vor, meine Kräfte einzuteilen. Es war erst Dienstag, aber ich war bereits geschlaucht wie lange nicht mehr.

Auf dem Heimweg schüttete es wie aus Kübeln. Meine Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute. Ich hätte mich nicht mit der Sache beschäftigen müssen, sagte ich mir. Es sei sowieso bedeutungslos.

„Aua! Verflucht!“

Die Stimme kam mir bekannt vor.

„Vater, bitte verzeih...“

Ich weiss nicht, wieso ich wieder durch die Hecke spähte. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass es mir nicht gut tun würde. Ich halte Überlegung und Voraussicht für wichtig, aber irgendetwas zwang mich förmlich dazu, mich schon wieder mit etwas zu beschäftigen, was mich nichts anging.

Sie versuchte, im Garten ein Zelt aufzuschlagen. Eine ziemlich hoffnungslose Beschäftigung, da der Boden bereits völlig durchnässt war. Trotzdem versuchte sie, die Zeltplane mit Heringen zu befestigen. Doch ihr letzter Versuch war, aus unerfindlichen Gründen, ziemlich missglückt. Statt in den weichen Boden hatte sie den gekrümmten Nagel durch ihre eigene Hand gebohrt. Während sie sich die Hand mit einer Mullbinde umwickelte, die sie aus dem Nichts zu zaubern schien, wehte die Zeltplane vom Gestänge.

So durchnässt, wie sie war, musste sie bereits seit Stunden hier draussen sein. Ihre Kleider wirkten so, als würden sie sich bei nächster Gelegenheit auflösen, und ihre Hände waren dreckig. Sie tat mir Leid. Wieso bemühte sie sich so sehr, offenbar sinnlose Handlungen auszuführen? Was zwang sie dazu, sich mit offenbar unlösbaren Aufgaben abzumühen? Ich verstand nicht, und das entfachte meine Neugier erst recht. Sie versuchte noch mehrmals, Heringe einzuschlagen, und immer wieder rannte sie der fliegenden Plane hinterher. Es musste wieder einige Zeit vergangen sein, bis ich mich endlich von diesem Anblick losreissen konnte. Völlig durchnässt kam ich zuhause an. Ich hoffte nur noch, mich nicht zu erkälten.

Leider hoffte ich vergeblich.

16.3.08 18:04

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